Das war wohl nix!

27.04.2019; SVE - Glückstadt (Rendsburg)

Das schöne Wetter über Ostern konnten wir leider nicht nutzen, da wir mit unserem Jüngsten im Krankenhaus in Eppendorf verbringen mussten. Er hatte einen Schlag auf sein linkes Auge bekommen, so dass er stationär behandelt werden musste.

Die Aussichten für dieses Wochenende sind zwar nicht so berauschend, aber wir wollen trotzdem los. Samstag gegen 8 Uhr klarieren wir unser Schiff und bereiten Alles fürs Ablegen vor. Ein Vereinskamerad hat sein selbstgebautes Holzschiff „Optimist“ aus Altersgründen verkauft – ein wunderhübsches Boot. Wir können unserem Vereinskameraden seine Wehmut anmerken. Die neuen Eigner bringen ihr neues Schiff in die Boddengewässer am Darß und werden hinter uns herfahren, da heute wenig Wasser kommt und beim Befahren der Krückau Vorsicht geboten ist.

Wir müssen gleich zu Anfang Alles aus der Maschine herausholen, um aus dem Schlick zu kommen. Das Wetter ist noch sehr angenehm – die Sonne scheint und es ist mild. Uns kommt die Idee, heute schon in den Kanal zu fahren denn es sind ideale Bedingungen. Wir kommen mit ablaufendem Wasser und seitlichen Winden gut voran. Vor der Schleuse in Brunsbüttel müssen wir auch nur ca. 20 Minuten warten. Wir schleusen mit 5 anderen Sportbooten, darunter auch der „Optimist“. Auf dem Kanal setzen wir uns zügig vom auslaufenden Geschwader ab. Wir haben den Eindruck, dass sich die Revision unserer Wellenanlage positiv auf die Geschwindigkeit bei Marschfahrt auswirkt. Wir schätzen 0,2 Knoten – eigentlich zu schön um wahr zu sein! Leider sollte sich unsere Skepsis nicht unbegründet bleiben! Bei meinem routinemäßigen Blick durch die geöffnete Luke in der Plicht auf die Wellenanlage bekomme ich einen Riesenschreck! Rechts und links der Gleitringdichtung sammelt sich schwarze Masse, wir vermuten Schlick. Außerdem stellen wir fest, dass sich der Gleitring um mindestens 4 mm abschliffen hat, und das auch noch schräg! Unglaublich! Der Abtrag war derart weit fortgeschritten, das der Querschnitt für den radialen Anschluss für den Entlüftungsschlauch droht, freigeschliffen zu werden. Dadurch hätten wir eine zusätzliche, schwer zu beherrschende Undichtigkeit.

Wir nehmen ersteimal Fahrt aus dem Schiff. Die Sportboote, die wir eben noch hochmütig hinter uns gelassen hatten, überholen uns nach und nach. Einige bieten ihre Hilfe an - sehr nett! Aber mit der Situation müssen wir ersteinmal alleine klar kommen.

Wir versuchen zu analysieren, was zu diesem krassen Abrieb führen konnte. Fakt ist: Dadurch, dass wir beim uns im Hafen im Schnitt zwei Mal täglich im Schlick liegen, steht dieser von innen an den Dichtflächen der Gleitringdichtung an. Schlick ist eigentlich ein ideales Schleifmittel, gerade in Verbindung mit Wasser. Das war uns schon bewusst, aber wir hätten im Leben nicht mit einem derart starken Abrieb gerechnet! Wir haben mit der Dichtung höchsten 20 Stunden motort!

Mit den gewonnen Erkenntnissen mache ich mich an die Arbeit, um die Schlickreste aus der Dichtung zu spülen. Ich nehmen dafür unsere Tauchpumpe und fördere Kanalwasser aus einem Eimer durch den Entlüftungsschlauch in die Dichtung. Die erhoffte Wirkung stellt sich leider nicht ein. Dann greife ich zu radikaleren Methoden und schiebe den Gleitring nach hinten, so dass Wasser durch den entstehenden Spalt strömt. Es ist schon beeindrucken, wieviel Wasser durch so einen kleinen Spalt rauscht! Aber die Maßnahme ist schließlich von Erfolg gekrönt: Der Schlick wird vollständig weggespült und sammelt sich in der Bilge – eine schöne Sauerei! Die schwarze Masse besteht nicht nur aus Schlick, sondern ist auch mit dem Abrieb des Kohlenstoff/Aramid-Ringes der Gleitringdichtung zersetzt. Ein Teufelszeug! Man bekommt es kaum wieder von den Händen!

Wir hatten inzwischen die Fock gesetzt, so dass wir nach dem Auskupplen noch einwenig Restfahrt im Schiff haben und damit manövrierfähig bleiben. Ich mache mich derweil an die Arbeit und versuche das Schiff wieder einigermaßen sauber zu bekommen. Als kleines „Add On“ bekommen wir noch Regen von oben.

Wir sind ca. bei Kilometer 22, und Rendsburg ist bei Kilometer 66, also noch 44 Kilometer motoren. Wird die Dichtung bis dahin halten?

Während wir leicht angespannt unsere Fahrt durch den Kanal fortsetzen, beginnen wir mit der Lösungsfindung für unser Dichtungsproblem. Klar für uns ist: Wir müssen aus dem Wasser und eine andere Dichtung einbauen. Dafür kommt eigentlich nur Rendsburg in Frage. Bis Kiel wollen wir nicht warten.

Gegen 19 Uhr laufen wir in den Obereiderhafen ein und machen am Außensteg des BYC (Büdelsdorfer Yachtclub) fest. Der sehr nette Hafenmeister Delfin begrüßt uns freundlich und wir fragen ihn gleich nach der Möglichkeit, unser Schiff aus dem Wasser zu bekommen. Er sagt sofort, dass es kein Problem sei. Sie verfügen, so wie wir im SVE auch, über eine Slipanlage. Das ist uns gleich sympathisch.

Jetzt setzten wir uns ersteinmal in die Plicht und trinken ein kleines Bierchen/Weinchen. Nicole kocht uns später noch etwas Leckeres. Mal sehen, wie es die nächsten Tage weitergeht und ob wir das Problem zeitnahe in den Griff bekommen.

28.04.2019, BYC (Büdelsdorfer Yachtclub)

Den Vormittag verbringen wir mit der Planung für den Dichtungstausch. Wir machen uns Gedanken, welchen Dichtungstyp wir als nächstes ausprobieren. Schnell sind wir uns einig, welche dieses sein könnte. Natürlich gibt es für uns keine Alternative mehr: Es kann nur die von Peter Horn empfohlene Stopfbuchsdichtung sein (siehe Vortrag von Peter Horn bei unserem diesjährigen Delphin 66-Treffen), zumal wir unsere Alte noch zu Hause liegen haben.

Wir verabreden mit dem Hafenmeister des BYC, dass wir Dienstag Nachmittag gerne aufslippen möchten, natürlich mit gestelltem Mast.

30.04.2019; BYC – Flemhuder See

Um ehrlich zu sein, ich bin schon einwenig nervös. Wird der Tausch der Dichtung so reibungslos vonstatten gehen, wie geplant? Dem Hafenmeister des BYC hatten wir gesagt, dass wir für ca. 1 Stunde aus dem Wasser wollen und dann auch gleich wieder zurück ins Wasser. Denn eigentlich ist das ganze Vorhaben nicht sehr aufwendig: Die Welle von der Kupplung montieren, Schlauchschellen und den rotierenden Metallring der Gleitringdichtung lösen, die Welle nach hinten drücken und die Dichtungskomponenten von der Welle ziehen. Unsere alte Stopfbuchse hatte ich schon gereinigt und komplett vormontiert. Diese muss ich also einfach nur auf die Welle schieben, die Welle mit der Kupplung verschrauben und die Schellen der Dichtung anziehen - soweit die Theorie.

Als der Slipwagen im Wasser ist, machen wir quer, nicht längs (!) auf diesem fest. Die Rungen befinden sich auf unserer Backbordseite. Geslippt wird hier mit quer liegendem Schiff, für uns etwas ungewohnt. Außer dem Hafenmeister stehen noch zwei hilfsbereite Vereinsmitglieder des BYC bereit. Es dauert vielleicht eine viertel Stunde und unsere Hanna „schwebt“ über dem Wasser (siehe Bild). Die Rungen befinden sich hinter dem Schiff. Wir machen uns sofort an die Arbeit. Beim Versuch die radialen Madenschrauben (Stiftschrauben) des rotierenden
Metallringes mit einem Inbussschlüssel zu lösen, „gnubbeln“ dies über. Ich bekomme fast einen Wutanfall! Ich muss diese blöden Madenschrauben losbekommen, sonst können wir gleich wieder abslippen. Muß ich jetzt die Sch…-dinger ausbohren, und das mit dem Akkuschrauber? Wie lange soll der Akku das durchhalten, es sind nämlich zwei Madenschrauben hintereinander verschraubt. Bei meinem Versuch die Schrauben mit einem Bit-Sechskant zu lösen haben ich dann mehr Glück, sie lösen sich und unsere Stimmung erhellt sich leicht!

Dann geht eigentlich Alles ganz schnell. Alle anderen Schrauben lassen sich leicht lösen, ich kann die Welle nach hinten ziehen, die Gleitringdichtung abziehen und die vormontierte Stopfbuchse draufschieben. Wir können unser Glück kaum fassen. Dennoch, das Schadensbild der Gleitringdichtung ist schon niederschmetternd. Nicht nur an der Dichtfläche wurde reichlich Material abgetragen sondern auch an der der Innenfläche der Bohrung. Wir halten fest: Diese Gleitringdichtung ist nicht für tidenabhängige Reviere geeignet, da beim Trockenfallen Schlick von innen an die Dichtflächen gelangt und im Betrieb die Dichtflächen zerstört. Daher auch der Titel diese Beitrages: "Das war wohl nix!"

Nach ca. 30 Minuten geben wir Zeichen, dass wir wieder zu Wasser können. Ein kurzer Testlauf verläuft positiv – unglaublich!!

Jetzt sind wir erst recht motoviert, wir wollen gleich ablegen und weiter fahren. Vorher jedoch sprechen wir dem Hafenmeister und den beiden netten Vereinskameraden unseren verbindlichsten Dank aus. Wir kommen noch ein wenig ins Gespräch und der Hafenmeister Delfin erzählt, dass er viele Jahre zur See gefahren ist und anschließend beim Wasserschifffahrtsamt angestellt "war". Wieso „war“ fragen wir uns. Dann ist er jetzt wohl hauptamtlicher Hafenmeister, den wir auf Anfang 50 geschätzt haben. Als er uns sein Geburtsjahr ’52 nennt, können wir das wirklich kaum glauben!

An dieser Stelle bedanken wir uns nocheinmal für die Hilfsbereitschaft der Mitglieder des BYC und können nur allen Freizeitschippern empfehlen, den BYC einmal anzulaufen. Ein wirklich schöner Hafen, mit neuen Sanitäreinrichtungen. Wir jedenfalls kommen gerne wieder!

Wir entschließen uns, heute noch zum Flemhuder See zu motoren, um dort die Nacht vor Anker zu verbringen. Dort ist es sehr schön und wir können noch bei Sonne in der Plicht sitzen. Weil unser Jüngster wiedereinmal so tapfer durchgehalten hat, pumpe ich noch zu seiner großen Freude das Schlauchboot auf und gehen noch auf Entdeckungstour. Am späten Abend genießen wir die Ruhe und Idylle – endlich!

 

 


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