Winterliches Abslippen 2018

30.03.2018, SVE

Es ist schon ein merkwürdiges Gefühl: Heute soll unsere Hanna endlich ins Wasser. Als ich morgens zum Auto gehe, um zum Hafen zu fahren, muss ich erst einmal Eis-Kratzen. Gestern lag in Elmshorn mindestens 1 cm Schnee! Der ist aber dann im Laufe des Tages geschmolzen.

Nicole und ich wissen in Anbetracht der kalten Temperaturen und der bescheidenen Wettervorhersage für die nächsten Tage nicht genau, ob wir uns wirklich freuen sollen, dass unser Schiff aus der Halle kommt. Zumindest scheint heute die Sonne; allerdings mit einem eiskalten Ostwind, der uns aber leider das Wasser aus der Krückau drückt. Wird das Hochwasser hoch genug ausfallen, so dass wir nach dem Wassern auch gleich noch den Mast stellen können?

Ich bin heute Morgen der Erste im Hafen. Meine Absicht ist es, den Mast vorzubereiten, sprich Anschlagen des stehenden Gutes und Montieren der Antenne, des Windgebers und des Windexes. Steckerverbindungen werden mit selbstverschweißenden Isolierband umwickelt.

Nicole kommt mit Piet, der in Winterschutzkleidung eingepackt ist und darüber eine Schwimmweste trägt, kurze Zeit später auf den Hof gefahren. Wir holen den Mast aus dem Mastenlager und bringen ihn nicht, wie sonst üblich, direkt zum Mastenkran, sondern zur Leeseite des Schuppens - der Ostwind ist einfach zu kalt.

Wir haben heute genug Zeit, denn Hochwasser ist erst am späten Nachmittag. Der Blick auf die Wasserstandsvorhersage des BSH bereitet uns allerdings etwas Sorgen: 40 cm unter NN!

Inzwischen hat ein Vereinskamerad  sein Schiff auf die Slipbahn verholt und läßt es per Seilwinde hinab: Das Wasser kann kommen. Heute steigt es aber spührbar  langsam.

Nachdem wir den Mast vorbereitet haben, bocken wir unsere Hanna ab, so dass sie auf der Slipbahn von Hand vor die Halle schieben können. Ein Vereinskollege, der auf unserer Steuerbordseite im Winterlager stand, kann somit auch auf die Schiene und nach uns ins Wasser. Wir sind somit drei Schiffe, die nacheinander ihrem nassen Element übergeben werden. Das gemeinsame Bewegen der tonnenschweren Schiffe macht wirklich Spaß, verlangt aber auch die volle Aufmersamkeit aller Beteiligten - grobe Fehler dürfen hierbei nicht passieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit schwimmt das erste Schiff, dass unten auf der Slipbahn steht, auf. Der Bootswagen wird aus dem Wasser gezogen und dann sind wir an der Reihe. Es ist verdammt wenig Wasser! Wir wollen es aber trozdem wagen, denn für morgen ist auch Ostwind und noch weniger Wasser mit Schneeschauern vorhergesagt.

Nicole ist beim Abslippen an Bord und startet beim Aufschwimmen des Schifes den Motor. Der Motor stand ein halbes Jahr in der Halle und ist eiskalt. Gerade die Kälte erschwert das Starten des Vorkammermotors. Nicole gibt zum Starten Vollgas und es dauert gar nicht so lange und der Yanamar 3GM springt mit dunklen Rauchwolken aus dem Auspuff an - echt stark!

Wir verholen unsere Hanna umgehend unter den Mastenkran und schlagen den vorbereiteten Mast an. Jedes Jahr wieder die gleiche, spannende Frage: Sind alle Wanten, Stage, Signal- und Flaggenleinen usw. richtig angeschlagen? Wir haben nicht viel Zeit für Versuche, da das Wasser heute offensichtlich früher abläuft. Als wir den Mast mit dem Kran anheben und auf den Mastfuß setzen, haben wir Gewissheit: Alles richtig gemacht! Wir können sodann zuerst das Vorstag, dann das Achterstag und dann die Oberwanten festmachen. Schließlich kommen noch die Unterwanten dran. Dank der zahlreichen und hilfsbereiten Vereinsmitglieder geht Alles recht schnell. Trotzdem läuft das Wasser schon ab und es wird langsam eng. Wir müssen zusehen, dass wir auf den Platz kommen. Wir legen sofort ab und fahren in Richtung unseres Platze. Doch leider kommen wir nicht in unsere Box, denn das Wasser ist schon zu weit gesunken. Durch den frischen Ostwind werden wir langsam gegen die Heckpfähle der Boxengasse gedrückt. Ich lege den Rückwärtsgang ein und versuche auf der luvseitigen Spundwand des Hafenbecken eine Heckleine festzumachen. Beim Aufstoppen kurz vor der Spuntwand setzt der Radeffekt in einer Weise ein, wie ich ihn noch nicht bei unserer Hanna erlebt habe. Das liegt wohl an dem geringen Abstand der Schiffsschraube zum Hafengrund/Schlick. Leider berühren wir bei der Aktion mit dem Heck die Spuntwand: Wir haben die erste Macke im Lack! Ich bin sauer! Nicoles Gesichtsausdruck sieht auch nicht viel besser aus. Sie hat schließlich den ganzen lagen Winter an unserer Hanna geschliffen, abgeklebt, lackiert, poliert und versiegelt!

Das Bild links haben wir bei Ebbe gemacht - dort ist die Furche zu sehen, die wir bei dem Manöver im Schlick hinterlassen haben

Viel Zeit für Wutausbrüche haben wir nicht. Das ablaufende Wasser sitzt uns im Nacken! Wir setzen unseren Versuch in die Box zu kommen fort. Mit Vor und Zurück versuchen wir den Schlick zu verdrängen, um uns so sukzesssive in unsere Box vorzuarbeiten. Dabei legt sich unsere Hanna durch den Schlick, der sich unter dem Rumpf befindet, zunehmend auf die Seite und der Heckpfahl, um den wir rum müssen, berührt durch die Krängung nicht die Scheuerleiste sondern die schöne, glänzende Außenhaut. Mit haarstreubenden  Quietschgeräuschen zerschrammen wir die Außenhaut unserer Hanna! Die Zweite Macke! Innerhalb von 5 Minuten! Ein Alptraum!!

An der Spundwand des Hafenbeckens können wir sehen, dass das Wasser bereits um ca. 10 cm gefallen ist. Langsam wird es brenzlig. Wenn wir uns hier festfahren, wird unser Schiff bei Ebbe unkontrolliert auf die Seite kippen. Außerdem kommen wir so nicht von Bord. Ein Vereinskamerad gibt uns den Ratschlag aus dem Hafen raus, auf die Krückau zu fahren und im anderen Hafenbecken festzumachen. Nur mit Vollgas rückwärts können wir uns aus dem Schlick ziehen und mit fast Vollgas vorwärts raus auf die Krückau fahren. An den Seiten des Flussbettes sind schon beängstigende Schlickansammlungen zu sehen. Wir haben nicht viel Raum zum Ausholen, um in die enge Hafeneinfahrt des Beckens II zu lenken. Die Strömung des ablaufenden Wassers erschwert das Ganze zusätzlich, so dass wir gefährlich dicht an die Spundwand der Hafeneinfahrt geraten. Nicole ist auf dem Vorschiff und sieht uns schon mit der Bugspitze und mit voller Fahrt gegen die Spuntwand fahren. Es gab für uns in diesem Moment kein Zurück mehr. Ich gebe Vollgas und schlage die Pinne voll ein. Nur um Haaresbreite entkommen wir der Katastrophe. Nach dem Schreck folgt gleich der nächste: Wir werden langsamer, ohne dass ich den Gashebel bewegt hätte - der Kiel schleift durch den Schlick. Wir haben aber glücklicherweise genug Schwung und kommen gerade noch zu der Box, wo wir die nächsten Tage unsere Hanna lassen können. Unsere Vereinskameraden spenden uns Trost - das tut gut. Wir sind heilfroh, hier in der Box zu liegen!

Es fällt uns zugegebenermaßen schwer, unseren Ärger über die Schrammen zu unterdrücken. Bei genauer Begutachtung sehen wir aber gute Chancen, dass wir die Schrammen mit Polieren einigermaßen wieder hinbekommen.

Die Sonne scheint und wir liegen mit dem Bug zum eiskalten Ostwind. Die Sonne hat schon genug Kraft und wir können im Windschatten der Sprayhoodd einen Moment in der Plicht sitzen und die Geschehnisse, soweit möglich, verarbeiten. Wir bleiben den größten Teil des Abends an Bord und bestellen später Pizza - (nicht nur) Piet ist begeistert!

Schlussendlich sind wir froh, dass unsere Hanna im Wasser ist und wir auch schon den Mast gestellt haben. Die Segelsaison 2018 kann kommen!

 

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