Rückführung 2019 – Teil 2 – Absegeln

13.09.2019, Rendsburg Stadthafen – Gieselaukanal

Die Anreise zu unserem Schiff ist dieses Mal etwas beschwerlicher. Wir fahren nämlich mit der Bahn und haben so einige Taschen mitzuschleppen – darunter auch Getränke. Meine Arme werden lang und länger, insbesondere die Tasche mit den Getränken stellt eine Herausforderung dar. Natürlich versuche ich mir vor Nicole und Piet nichts anmerken zu lassen – wäre ja noch schöner. Am Elmshorner Bahnhof ist auf der Anzeige die mittlerweile gewohnte Verspätung angezeigt. Außerdem werden die Reisenden dort über die Zugteilung in Neumünster informiert. Über Lautsprecher wird dann noch einmal das bestätigt, was mehr oder weniger (hier: eher weniger) verständlich auf der elektronischen Anzeige dargestellt ist: Der hintere Zugteil fährt nach Kiel, der vordere nach Flensburg. In den letzteren müssen wir einsteigen, da das die Linie nach Rendsburg ist, wo unser Schiff liegt. Als wir schließlich in den doppelstöckigen Wagen einsteigen, erklimmen wir mit unserem Gepäck, natürlich auf Wunsch unseres Jüngsten, das obere Stockwerk des Waggons. Als wir unsere Taschen gerade einigermaßen verstaut haben, entdeckt Nicole eine elektronische Anzeige, der zu entnehmen ist, dass der hintere (!!) Zugteil über Rendsburg nach Flensburg fährt! Ich kann das Bahn-Chaos als nervengeschundener Berufspendler schon wieder nicht fassen! Wir entschließen uns, in Neumünster in den hinteren Zugteil umzusteigen, da es fast unmöglich ist, mit dem ganzen Gepäck durch die schmale und überfüllte Gasse zwischen den Sitzreihen zu kommen. In Rendsburg wird der Weg zum Schiff dann noch einmal richtig lang. Ich beiße die Zähne zusammen und schaffe es, ohne Absetzen der Tasche, zum Schiff zu kommen.

An Bord bugsiere ich das ganze Gerödel etwas entnervt durch die Vorluke ins Vorschiff und es dauert keine Viertelstunde und wir legen ab. Eigentlich wollen wir heute noch bis „Klein Westerland“ kommen, aber eigentlich ist jetzt schon klar, dass wir das nicht schaffen werden.

Wir haben wieder Glück mit dem Wetter – die Sonne scheint und es ist recht mild. Wir entschließen uns dann, angesichts der fortgeschrittenen Zeit, den Gieselaukanal anzulaufen. Dort sind wir zunächst alleine und binden unser Schiff ziemlich weit hinten, recht nahe an der Schleuse fest. Später gesellt sich ein weiterer Segler dazu. Wir wundern uns, warum dieser ganz weit vorne am Steg, also weg von der Schleuse festmacht. Heute Nacht machen wir dann diesbezügliche Erfahrungen und bekommen beim Absegeln von unseren Vereinskameraden die passende Erklärung dafür – dazu später mehr.

Es ist wirklich wunderschön hier am Gieselaukanal, die Abendsonne taucht die Landschaft in goldenes Licht und es ist angenehm warm, und dann noch diese wohltuende Ruhe! Es ist zwar das zweite Mal, dass wir im Gieselaukanal sind, aber das erste Mal, dass wir übernachten. Letztes Jahr hatten wir uns hier nur relativ kurz mit Vereinskameraden getroffen. So erkunden wir heute Abend erst einmal die Gegend. Uns fällt sofort das sehr gepflegte Gelände der Schleusenanlagen auf. Sehr schön ist auch die sichtbare Technik der Klappbrücke (s. Bild). Die umgebende Landschaft ist weitläufig und wirklich sehr schön.

Heute Nacht dann, werden wir jäh aus dem Schlaf gerissen. Ein plötzliches und lautes Ächzen der Leinen und starke Schiffsbewegungen lassen unseren Adrenalinspiegel schlagartig ansteigen. Wir springen aus der Koje und müssen mit ansehen, wie unsere Hanna innerhalb von Sekunden um bestimmt 30 cm absackt und sich anfängt, in den Leinen aufzuhängen.  So schnell können wir gar nicht reagieren, denn sofort fängt das Wasser wieder an zu steigen. Begleitet wird das ganz von einem lauten Gepolter, das von den Schwimmstegen, direkt vor der Schleuse herrührt. Was war hier passiert? Zunächst dachten wir, dass die Schleuse zur Eider geöffnet wurde. Aber dann erinnern wir uns an ein Gespräch, dass wir vorgestern(!) in unserem Verein hatten. Ein Vereinskamerad hatte ähnliche Erfahrungen gemacht, wie wir. Demnach handelt es sich bei dem Phänomen um Schwell, den die Berufsschifffahrt nachvollziehbarerweise auf dem Nord-Ostsee-Kanal erzeugt (für Nichtsegler: Der Schwell, der hier gemeint ist, resultiert nicht aus der Verdrängerfahrt des Schiffes, sondern entsteht durch die Schiffsschrauben. Diese saugen das Wasser von vorne an und pumpen es quasi nach hinten. Das hat zur Folge, dass dem Schiff ein Wellental von manchmal einigen Zentimetern vorauseilt. Auf diese Weise wird dann auch der Gieselaukanal „leergepumpt“ und füllt sich danach wieder mit einer kleinen Flutwelle). Wie wir dann von unseren Vereinskameraden beim Absegeln im MYC Stade erfahren werden, sind die Schwankungen des Wasserpegels umso größer, je näher man an das Ende des Kanals, also an die Schleuse des Gieselaukanals kommt. Eigentlich auch recht einleuchtend, denn dort schwappt die kleine Flutwelle dann, wie in einer Badewanne, besonders hoch, reflektiert an dem Schleusenbauwerk und läuft infolge wieder zurück. Der andere Segler, der später noch gekommen war, wusste offensichtlich von diesem Effekt.

14.09.2019, Gieselaukanal – MSC Stade

Nach dieser abwechslungsreichen Nacht, stehen wir dann wieder früh auf, da wir versuchen wollen, zum besagten Absegeln unseres Vereins im MYC Stade zu kommen. Doch leider werden wir schon wieder ausgebremst, denn der Kanal ist in Nebel gehüllt. Mit einiger Verspätung legen wir dann ab. Der andere Segler tut uns gleich.

Ungefähr vier Stunden später erreichen wir Brunsbüttel. Hier nähert sich von Achtern eine "Hanna" - aber anderer Schiffstyp.

Wir machen kurz an der Tankanlage für Sportboote fest und versorgen uns mit Diesel. Vor der Schleuse müssen wir dann zur Abwechslung mal nicht so lange warten. Beim Ausschleusen ist der Moment, in dem das Schleusentor geöffnet wird, immer ein besonderer: Bei Schwerwetter kommt es dem Tor zur Hölle gleich. Heute jedoch ist uns die Elbe wohlgesonnen und empfängt uns mit ruhigem Wasser und Sonne – wirklich schön! Jetzt kommt auch noch ein weiterer Vorzug des Reviers an der Elbe zum Tragen: Wir laufen bei auflaufendem Wasser gute 7 Knoten (natürlich über Grund und nicht durchs Wasser). So sind wir dann auch recht zügig in der Schwinge, wo wir gegen 16 Uhr im Hafen des MYC Stade festmachen. Hier findet mittlerweile traditionell unser Absegeln statt. Nicht zu Unrecht, denn man gibt sich hier viel Mühe, unserem Verein perfekte Bedingungen zum Feiern mit schmackhaftem Essen und Trinken anlässlich des bevorstehenden Endes der Segelsaison zu schaffen. Am nächsten Morgen gibt es dann sogar noch ein leckeres Frühstücksbüffet – toll gemacht!

14.09.2019, Gieselaukanal – MYC Stade

Nach einem ebenso opulenten, wie ausgedehnten Frühstück mit angeregten Unterhaltungen, legen wir gegen 14 Uhr ab. Ohne unsere Vereinskameraden, wären wir wohl später losgefahren, was uns dann möglicherweise zum Verhängnis geworden wäre. Der Grund ist der starke Westwind, der zu einem hohen Wasserstand führen wird. Ab einem bestimmten Level wird dann das Krückausperrwerk geschlossen, um zu verhindern, dass Elmshorn absäuft. Eigentlich ganz klar, aber man muss eben daran denken. Als wir die Schwingemündung erreichen und auf die Elbe kommen, ist unsere ganze Aufmerksamkeit gefordert. Es ist ordentlich was los, sowohl Berufsschifffahrt als auch viele Sportboote. Zum Queren des Hauptfahrwassers nehmen wir gerne die AIS-Signale, die von der Berufsschifffahrt zwingendermaßen gesendet werden müssen, zur Hilfe. Auf unserem Plotter können wir die betreffenden Schiffsdaten wie „Fahrt über Grund“ abrufen. Das erhöht die Sicherheit beim Navigieren deutlich.

Es ist immer ein schöner Anblick, wenn sich das SVE-Geschwader mit den zum Teil über die Toppen geflaggten Boote auf den Weg macht. Der Wind hat ordentlich zugelegt. Später, als wir die Krückaumündung erreichen, kommt leider noch Regen dazu. Direkt nach dem Passieren des Sperrwerkes fahren wir in den Hafen des W.Y.K., wo wir unser Vereinsschiff abschleppen sollten. Allerdings ist das Problem mit dem Motor, zumindest vorübergehend, behoben, so dass wir bei dem Schiet-Wetter weiterfahren können – ganz traurig sind wir nicht, denn die Bedingungen bei starkem Wind und Regen sind nicht so komfortabel.

Gegen 16 Uhr erreichen wir dann unseren Heimathafen SVE. Das Wochenende ist wieder einmal wie im Fluge vorbeigegangen!

 




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